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Gegensätzliche Pfeile

Europäische Berichtspflicht: Transparenz mit beschränkter Wirkung

An der neuen EU-Berichtspflicht zu Nachhaltigkeitsaspekten scheiden sich die Geister: Den einen geht sie zu weit, den anderen ist ihr Wirkungsradius zu beschränkt.

Nach langen Verhandlungen war es Ende September soweit: Der Europäische Rat verabschiedete eine Richtlinie, die Unternehmen künftig verpflichtet, die Auswirkungen ihres Handels auf Mensch und Umwelt darzulegen. Aussagen machen sollen sie zu Umweltaspekten, Arbeitnehmerbelangen, Menschenrechten, Antikorruption, Bestechung und Diversität. Anders als bei den Vorgaben des Bilanzrechts, nach denen börsennotierte Unternehmen auch nicht-finanzielle Aspekte darstellen sollen, wenn diese Einfluss auf das künftige Geschäft haben, fokussiert die EU-Berichtspflicht auf die tatsächlichen Auswirkungen.

Der Unterschied ist beachtlich und das Anliegen nachvollziehbar: Unternehmen sollen im Interesse der Gesellschaft ihre signifikanten Auswirkungen transparent machen und nicht nur die „Geschäftserfolgsbrille“ aufhaben. Dass sie dabei auch ihre Partner und damit die vor- und nachgelagerten Stufen der Wertschöpfungskette in den Blick nehmen müssen, macht die Sache brisant. So muss ein Unternehmen über erhebliche Menschenrechtsverletzungen bei einem Lieferanten auch dann berichten, wenn diese keinerlei Einfluss auf den künftigen Geschäftserfolg haben. Ein Schlupfloch könnte freilich die in der EU-Richtlinie enthaltene Klausel im Hinblick auf Geschäftsgeheimnisse sein: Wirkt sich die Preisgabe einer Information nachvollziehbar negativ auf das Geschäft aus, muss das Unternehmen sie nicht bereitstellen.

Eine fragwürdige Beschränkung
Für die Wirtschaft gilt: Es hätte schlimmer kommen können. Die Pflicht zur Transparenz beschränkt sich auf Unternehmen des öffentlichen Interesses mit mehr als 500 Mitarbeitern. Öffentliches Interesse ließe sich zwar weit interpretieren. Konkret fallen unter die Berichtspflicht jedoch nur kapitalmarktorientierte Unternehmen, also Aktiengesellschaften sowie Finanzinstitute und Versicherungen. Nichtregierungsorganisationen bedauern das. Sie hätten gerne Unternehmen ab einer Größe von 250 Mitarbeitern in die Transparenzpflicht genommen. Dann hätte es europaweit ein Vielfaches der jetzt rund 6.000 berichtspflichtigen Firmen getroffen. Will man gegenüber der Gesellschaft Transparenz über Nachhaltigkeitsauswirkungen des unternehmerischen Handelns herstellen, ist die nahezu grundsätzliche Auslassung zumindest der großen der GmbHs, KGs und Co. KGs tatsächlich nicht nachvollziehbar. Sie fallen nur dann unter die Berichtspflicht, wenn sie handelbare Anleihen begeben. Die großen börsennotierten Konzerne aber berichten bis auf wenige Ausnahmen bereits heute schon über Nachhaltigkeitsaspekte.

Fragt sich also, für wen die Transparenzpflicht nun eigentlich gedacht beziehungsweise neu ist. Es sind Unternehmen aus dem MDAX, vor allem aber jene aus SDAX, TecDAX sowie dem Prime und General Standard der Deutschen Börse, die bisher nicht über Nachhaltigkeit nachgedacht, geschweige denn ein Berichtswesen dazu aufgebaut haben. Spätestens ab 2017 werden auch sie ein Mindestmaß an Aussagen treffen müssen – entweder im Geschäftsbericht oder in einem zusätzlichen Nachhaltigkeitsbericht. Bis dahin sind die Länder gefordert, die EU-Vorgaben in nationales Recht zu überführen.

Mehr Klarheit durch nationale Umsetzung
Vom Wirtschaftsprüfer geprüft werden müssen die Nachhaltigkeitsangaben laut EU-Richtlinie nicht. Zu validieren ist lediglich, ob innerhalb von sechs Monaten nach Geschäftsjahresende ein – wie auch immer gearteter – Bericht vorliegt. Was passiert, wenn dies nicht der Fall ist, müssen nun die Länder festlegen. Freigestellt ist ihnen auch, über die nationale Umsetzung doch noch eine Prüfpflicht einzuführen. Für die berichtenden Unternehmen würde dies erhebliche Zusatzkosten bedeuten. Eine gewisse Überprüfung der dargebotenen Informationen könnte im Sinne der Glaubwürdigkeit jedoch durchaus wünschenswert sein.

Vieles ist in der Richtlinie derart schwammig formuliert, dass man sich nun eine klare Ausformulierung durch die nationale Umsetzung erhoffen muss. In Deutschland ist damit das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz betraut. Es will für betroffene Unternehmen auch einen Leitfaden vorlegen. Die EU-Richtlinie selbst referenziert auf bestehende Rahmenwerke wie die Global Reporting Initiative (GRI), den Global Compact, den Standard ISO 26000 und den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK).

Transparenz mit Maß und Ziel
Zu letzterem liegt seit September 2014 ein Leitfaden vor, der verständlich darstellt, was warum und wie zu berichten ist. Für kleine börsennotierte Unternehmen, die im Zuge der Berichtspflicht nun erstmals über Nachhaltigkeit nachdenken müssen, kann er eine gute Orientierung bieten. Die über 270 Seiten starke neue GRI-Leitlinie G4 dürfte sie dagegen eher entmutigen. Auch die ISO 26000 oder der Global Compact stellen keine Hilfe dar für jene, die mit dem Nachhaltigkeitsreporting beginnen müssen.

Es bleibt zu hoffen, dass die nun erarbeiteten Handreichungen Unternehmen zu einer nutzenstiftenden Transparenz führen. Die Sorge der Wirtschaftsverbände vor noch mehr Bürokratie ist ja nicht unbegründet. Schon jetzt ist sie hierzulande das größte Hemmnis für Neugründungen. Berechtigt ist auch die Sorge jener, die auf Transformation setzen: Sie fürchten, dass verordnete Transparenz Unternehmen eher hindert, das Thema Nachhaltigkeit substanziell anzugehen. Auch die Nichtregierungsorganisationen wünschen keine allumfassende Transparenz nach dem Prinzip „Tick the box“, sondern eine ernsthafte Beschäftigung der Unternehmen mit den Auswirkungen ihres Handelns.

Dass es sich langfristig lohnt, verantwortungsvoll zu wirtschaften, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Analyse der Ratingagentur oekom research: Bei europäischen Unternehmen, die in Sachen Nachhaltigkeit gut aufgestellt und deshalb im oekom-Prime-Standard gelistet sind, ist die Eigenkapitalquote um neun Prozent höher als bei den nicht gelisteten Firmen.

Autorin: Sabine Braun, akzente

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